Teilen ist Heilen.
Flutgedichte. Stimmen.

Eine Einladung zur poetischen Aufarbeitung der Flut:
Lies mit deiner Stimme

Diana Ivanova

Diese Gedichte sind 2021 und 2022 nach der Flut entstanden. Heute bin ich froh, dass ich sie geschrieben habe. Sie sind für mich zu einem Weg geworden, zu den damaligen Momenten und inneren Zuständen zurückzukehren – nicht, um sie noch einmal zu erleben, sondern um sie heute besser verstehen zu können.
Manchmal beschäftigt mich die Frage: Kann ich überhaupt zu diesem ersten Gefühl zurückkehren – zu dem Moment, als mein Mann mich mit den Worten „Es ist eine Katastrophe“ geweckt hat? Es scheint mir, als gäbe es in mir einen Ort der Stille, der Tiefe oder der Leere, an dem ich bis heute nicht genau weiß, was ich damals tatsächlich gespürt habe.
Als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal einige meiner Gedichte vertont hörte – ein Experiment eines mir unbekannten, unglaublich freundlichen Menschen mithilfe Künstlicher Intelligenz –, war ich tief berührt. Die Stimme war nicht meine. Und doch sprach sie meine Worte. Es klang zugleich fremd und persönlich. Genau diese Mischung hat mich fasziniert. Vielleicht, weil sie mich an das erste Gefühl der Flut erinnerte: Etwas Fremdes geschieht. Und zugleich wird es für immer Teil der eigenen Biografie.
So entstand die Idee, die Gedichte noch einmal mit den Stimmen von Frauen aus meinem Freundeskreis zu hören – Frauen, die die Flut nicht erlebt haben, mich und meine Geschichte aber kennen. Jede Stimme bringt ihre eigene Biografie, ihren eigenen Klang und ihre eigene Erfahrung mit. Dadurch werden dieselben Worte zu etwas Neuem.
Ich empfinde es als Geschenk, von so vielen Frauen umgeben zu sein, mit denen ich meine Worte teilen darf und die ihre Stimmen mit mir teilen.
Warum ein Geschenk? Weil Teilen auch Heilen bedeutet. Und weil Heilen ohne Teilen kaum möglich ist. Wir verstehen uns oft nicht allein, sondern im Echo anderer.
Meine große Dankbarkeit gilt den Frauen, die für mich gesprochen, vertont und improvisiert haben – Gergana, Maria, Sofia, Johanna, Barbara, Agnieszka, Anna, Ulrike M., Ulrike S., Kathrin, Ursula und Daniela. Vielen Dank auch an Andrea und Raoul, die gemeinsam ein Lied geschrieben haben.
Ein Gedicht spricht nie nur mit einer Stimme. Vielleicht bekommt es jedes Mal ein neues Leben, wenn es von einer anderen Stimme gelesen wird.
Wenn ihr möchtet, werdet Teil dieses Projekts. Lest. Improvisiert. Nehmt auf. Teilt eure Stimme – mit mir oder mit anderen.
Vielleicht entsteht genau dort, wo eine Stimme einer anderen begegnet, etwas, das größer ist als ein Gedicht.
Vielleicht beginnt dort, wo wir unsere Stimmen teilen, etwas, das keine von uns allein erzählen könnte.

#teilenistheilen

Wut ist die kleine Schwester der Flut

Gedichte
DIANA IVANOVA
aus dem Buch
DAS AHRTAL DES MITGEFÜHLS. 89 FRAGMENTE AUS DEM LEBEN NACH DER FLUT“ 2023, Barton Verlag

der geruch „nach uns“

Wenn wir nach Hause kommen, riecht es nach uns.
Johannes Frasnelli, Geruchssinnforscher

der geruch „nach uns“
ist verschwunden
man kann das unterschiedlich ausdrücken ist weggeschwommen
wurde weggespült
mit dem estrich weggestemmt
es gibt so viele erklärungen
nirgendwo riecht es nach uns nirgendwo ist unser zuhause
der geruch
dieser titan der erinnerung dieser besitzer aller gefühle
diesen geruch „nach uns“
den ich nicht beschreiben kann
den vielleicht nur unsere katze ganz genau erinnern kann
diese mischung aus tausend und einem fragment, sauerteigbrot, altmodisch roten fliesen, büchern mit notizen mit bleistift, altes papier, schokolade mit fleur de seil, roter pfeffer aus kambodzha, trockener roter wein aus bulgarien, geröstete sonnenblumenkerne und rote zwiebeln, der diffuser mit grapefruitöl, eiche, asche und kaminholz, getrocknetes salbei aus dem garten, desinfektionsmitteln, deine und meine haut, dein atem und mein atem…
dieser geruch „nach uns“ ist verschwunden

wassererkenntnisse

wasser ist fest überzeugend direkt mächtig
es kommt
ohne „bitte, darf ich, vielleicht ein anderes mal…“
ziemlich unhöflich
es spült weg was es will
gespräche freunde bekanntschaften
menschen dinge pläne
und gerüche
zuhause sein beete mit kartoffeln und sauerampfer die sommerfrische die alten tagebücher meines schwiegervaters die frische wäsche
es bringt geschichten und objekte eine maria-ikone treibholz gartenstuhl das unerwartete gefühl von leichtigkeit alte deutsche wörter die ich plötzlich spüre „blümerant“ so fühle ich mich jeden tag mit den sterbenden kleinen erinnerungen
…und noch kein labsal für uns wanderer

wut ist die kleine schwester der flut

steigt in meinem körper vom bauch bis zum kopf ohne vorwarnung
sie bringt treibholz aus allen häusern gärten, wiesen und wäldern
aus der vergangenheit
ein familientreffen in meinem körper
wiesen wassermelonen gärten ziegen schafe liebhaber paare kühe kinder
schmetterlinge hühner forellen buchenwälder eichen tannen
alle meine vorfahren atmen mit mir
es fühlt sich an wie neue wurzeln wie frische luft und
vielleicht
nimmt die kleine schwester der flut abschied von mir

Es gibt diese Tage, an denen es scheint, als lebten wir alle im Land von Scheißegalien Das wilde Gras im Park, das bebaut werden sollte, obwohl es überflutet war.
Der Verdacht, ob wir nicht alle kollektiv an Hochwasserdemenz leiden.
Die raue Stimme eines Reporters und die gleichgültige Stimme eines Bürgermeisters. Das Gesicht der Verkäuferin in der Weinbar, als sie sagt, es sei ihr scheißegal.
All die neuen Wörter
Trauma-Tal Retentionsfläche Hochwasserschutzstrategie Gewässerschutzmaßnahmen
Unser Leben und unser Überleben als rein technische Frage
Meine innere Stimme, ob es reicht
Es gibt diese Tage, an denen es scheint, als lebten wir alle im Land der Scheißegalien

sehnsucht
nach
sinn
nach
biographischem verstehen
sehnsucht
nach einem körper ohne schmerzen ohne erschöpfung ohne entzündung
sehnsucht
nach ausatmen und nach auszeit
sehnsucht
nach vernunft nach
ratio nach
menschen und behörden ohne flutdemenz
sehnsucht
nichts zu suchen nichts zu bereuen nichts zu tun

erschöpfung ist ein seltsames wesen
verbirgt sich hinter weißen blusen

und unter einem gelben kleid

verkleidet sich als begeisterung

hat eine aufgeregte stimme:

weitermachen! weitermachen! genauso! genauso!
manchmal ist sie wie eine strenge grundschullehrerin lässt mich nicht

ein buch zu ende zu lesen

ein buch überhaupt zu lesen
gedichte zu schreiben

zeigt sich zufrieden mit

instagram, facebook und blah, blah, blah
erschöpfung ist ein seltsames wesen

die muttersprache der welt 
morgengrauen und abendrot umarmen den tag

was in der mitte kommt

ist immer eine frage des lichts und vielleicht auch
eine gnade
wenn es keine wunder gibt ist die welt nicht in ordnung es kann sein

dass zwei eichhörnchen durch das gras tanzen
oder zwei rehe den mangold der nachbarn lustvoll naschen

es kann auch sein

dass es regnet und regnet und regnet
und das abendrot verschwindet
und dann
statt der umarmung des himmels hören wir ein märchen zusammen und schlafen ein

mit der muttersprache der welt